Körpergröße und Marathon: Was die Sportwissenschaft sagt

Morgen fällt in Berlin wieder der Startschuss für einen der größten Marathons der Welt. Rund 50.000 Läuferinnen und Läufer gehen an den Start – unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Doch während Trainingspläne, Laufschuhe und Ernährungsstrategien intensiv diskutiert werden, bleibt eine Variable meist unbeachtet: die Körpergröße.

Was sagt die Sportwissenschaft darüber, ob Größe beim Langstreckenlauf Vor- oder Nachteil ist?

Die Weltspitze ist klein – und das ist kein Zufall

Wer die Siegerlisten großer Marathons analysiert, stößt auf ein auffälliges Muster: Die Besten der Welt sind selten groß. Eliud Kipchoge, zweifacher Olympiasieger und Inhaber des Weltrekords, ist 1,67 m groß. Kenenisa Bekele: 1,60 m. Kelvin Kiptum, der den Weltrekord 2023 auf 2:00:35 senkte, maß 1,72 m.

Das ist kein Zufall. Sportwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die optimale Körpergröße für Langstreckenläufer zwischen 1,60 und 1,75 m liegt. Die Gründe sind physiologisch vielschichtig.

Biomechanik: Schrittfrequenz schlägt Schrittlänge

Intuitiv könnte man annehmen, dass größere Läufer durch ihre längeren Beine mehr Vorteil haben – schließlich legen sie pro Schritt mehr Strecke zurück. Die Realität ist komplizierter.

Eine zentrale Studie von Cavanagh und Kram (1989) im Journal of Biomechanics zeigte, dass der Sauerstoffverbrauch pro Kilometer nicht proportional mit der Schrittlänge sinkt. Große Läufer müssen mehr Masse bewegen, was den energetischen Vorteil der längeren Schritte kompensiert oder sogar übertrifft.

Weltklasseläufer laufen mit einer Schrittfrequenz von 180–200 Schritten pro Minute – unabhängig von ihrer Körpergröße. Kleine Läufer können diese Frequenz leichter aufrechterhalten, weil ihre kürzeren Hebel schneller rotieren. Das Trägheitsmoment – also der Widerstand gegen Rotationsbewegungen – ist bei kurzen Beinen geringer.

Wärmehaushalt: Das unterschätzte Problem

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Thermoregulation. Beim Marathon wird immense Wärme erzeugt – bis zu 75 % der Stoffwechselenergie werden in Wärme umgewandelt, nur 25 % in Bewegung. Die Fähigkeit, diese Wärme abzugeben, ist leistungskritisch.

Hier gilt ein physikalisches Grundprinzip: Das Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen ist bei kleineren Menschen größer. Kleine Läufer können Wärme effizienter abführen – ein erheblicher Vorteil bei sommerlichen Rennbedingungen oder in der zweiten Marathonhälfte, wenn die Körpertemperatur kritische Werte erreicht.

Eine Studie von Marino et al. (2004) im Journal of Applied Physiology belegte, dass kleinere Athleten bei gleicher Belastung eine niedrigere Kernkörpertemperatur halten konnten als größere Probanden. Bei einem Rennen über 42,195 km kann das den Unterschied zwischen einem starken Endspurt und dem berüchtigten „Einbruch“ ausmachen.

VO₂max und Laufökonomie

Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) gilt als Schlüsselindikator für Ausdauerleistung. Größere Athleten haben in absoluten Werten eine höhere VO₂max – was logisch ist, denn mehr Muskelmasse bedeutet mehr Kapazität. Entscheidend ist jedoch der relative Wert: VO₂max pro Kilogramm Körpergewicht.

Da große Menschen tendenziell mehr wiegen, sinkt ihr relativer VO₂max-Wert. Weltklasse-Marathonläufer erreichen relative VO₂max-Werte von 70–85 ml/kg/min. Ein großer Läufer muss mehr Masse transportieren – jedes zusätzliche Kilogramm kostet beim Marathon statistisch etwa 3–4 Minuten Gesamtzeit.

Ist der Marathon diskriminierend gegenüber großen Läufern?

Diese Frage klingt provokant – aber sie ist berechtigt. Die strukturellen Bedingungen des Langstreckenlaufs bevorzugen einen bestimmten Körpertyp. Das allein ist biologisch bedingt und nicht das Ergebnis menschlicher Entscheidungen.

Problematischer wird es, wenn man auf Ausrüstung und Sportbekleidung schaut: Laufschuhe mit optimierten Dämpfungszonen, Kompressionsstrümpfe, aerodynamische Laufanzüge – viele dieser Produkte sind auf einen bestimmten Normkörper zugeschnitten. Große Läufer berichten regelmäßig von Schwierigkeiten, passende Laufbekleidung zu finden. Lange Ärmel, ausreichend lange Hosen, Schuhe in Sondergrößen: der Markt deckt die Ränder der Größenverteilung oft nur unzureichend ab.

Das ist eine Form struktureller Benachteiligung, die selten als solche benannt wird.

Was bedeutet das für Hobbyläufer?

Die Datenlage gilt vorrangig für die absolute Weltspitze. Für Hobbyläufer – also die überwältigende Mehrheit der 50.000 Berlin-Starter – relativiert sich vieles. Training, Technik, Erfahrung und mentale Stärke überwiegen physiologische Unterschiede bei Weitem.

Dennoch lohnt es sich, die eigene Trainingssteuerung an die eigene Körpergröße anzupassen: Große Läufer profitieren besonders von Krafttraining für die Rumpfstabilität, von Hitzeadaption und von einer bewussten Kontrolle der Schrittfrequenz. Kleine Läufer haben im Langstreckenlauf biologische Vorteile – aber das bedeutet nicht, dass große Läufer keine Chance haben. Es bedeutet nur, dass sie anders trainieren müssen.

Morgen in Berlin werden wieder alle gemeinsam laufen. Groß und klein, schnell und langsam. Das ist das Schöne am Marathon: Er macht keinen Unterschied nach Herkunft, Beruf oder Status. Die Biologie allerdings – die macht durchaus einen Unterschied. Und den zu kennen, schadet nicht.