Heinz Strunk und der Riese in der Holzklasse

Heinz Strunk ist bekannt für Figuren, die gegen die Welt verlieren — meist mit bitterem Humor und erschütternder Präzision. In seiner Kurzgeschichte „Der Riese in der Holzklasse“ aus dem Band „Kein Geld, Kein Glück, Kein Sprit“ (Rowohlt, 2024) ist es ein 2,11 Meter großer Mann mit Glasknochenkrankheit, der das Falsche gebucht hat — oder dem jemand anderes seinen Premiumsitzplatz weggenommen hat.

Was folgt, ist auf den ersten Blick eine Komödie. Ein Riese im Flugzeug, eine empathielose Nebenfrau, eine hilflose Stewardess. Strunk beschreibt die Szenerie mit der ihm eigenen, präzisen Grausamkeit: die eingezogene Haltung, der tropfende Schweiß, die Panik, die im Gesicht festgefroren ist. „Obwohl er ja nichts kann für seine Größe, fühlt er sich schuldig.“

Das ist der Satz, um den es geht.

Schuld für das eigene Vorhandensein

Der Riese entschuldigt sich für sich selbst. Er empfindet sein Körpermaß als Zumutung für andere — als Fehler, für den er Abbitte zu leisten hat. Strunk übertreibt ins Groteske (die Geschichte endet so dunkel, wie man es von ihm erwartet), aber der Mechanismus dahinter ist real: Großwüchsige und Kleinwüchsige kennen dieses Gefühl. Das permanente Bewusstsein, zu viel Platz zu brauchen, zu auffällig zu sein, den Ablauf zu stören.

Das Flugzeug ist dabei nur ein besonders brutales Setting — weil es keinen Ausweg gibt. Kein Verlassen des Raumes, keine Umgehung der Situation. Der Körper und seine Maße werden zur Gefangenschaft.

Was Strunk sichtbar macht

Literatur kann das, was Gesetze noch nicht können: Strunk macht in wenigen Seiten spürbar, was Größendiskriminierung bedeutet — nicht als abstraktes Konzept, sondern als gelebte Demütigung. Der Witz sitzt dort, wo er wehtut. Und genau das ist der Punkt.

Das Flugzeug ist nicht für diesen Körper gebaut. Die Gesellschaft hat keinen Platz für ihn vorgesehen — weder im Sitzplan noch im Rechtssystem. Und wenn es schiefgeht, ist er selbst schuld.

„Der Riese in der Holzklasse“ ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, warum Größendiskriminierung mehr ist als ein Kommentar über die Körpergröße. Es ist eine Geschichte über Würde — und darüber, wie sie einem Menschen Stück für Stück genommen wird.

Heinz Strunk: „Kein Geld, Kein Glück, Kein Sprit“
Rowohlt Verlag, 2024

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