Stille Stunden im Supermarkt – das klingt zunächst wie eine Nische. Doch wer einmal erlebt hat, wie sehr Lärm, grelles Licht und die permanente Reizüberflutung des modernen Einzelhandels belasten können, versteht sofort: Das ist keine Randerscheinung. Das ist Inklusion in ihrer praktischsten Form.
Was sind Stille Stunden?
Stille Stunden sind fest eingeplante Zeitfenster im Supermarkt oder Kaufhaus, in denen die akustische und visuelle Reizflut gezielt reduziert wird: Musik aus, Lautsprecher stumm, Lichtstärke gedimmt, keine lauten Promotionaktionen. Kunden können in Ruhe einkaufen – ohne Beschallung, ohne aufdringliche Werbedurchsagen, ohne den üblichen Lärmpegel des Einzelhandels.
Das Konzept stammt ursprünglich aus den Niederlanden und Großbritannien, wo Supermarktketten wie Jumbo und Tesco es seit Jahren erfolgreich einsetzen. In Deutschland finden sich Stille Stunden bisher vor allem vereinzelt – bei einigen Rewe-, Edeka- und Kaufland-Filialen sowie in einzelnen Einkaufszentren.
Für wen machen Stille Stunden einen Unterschied?
Die naheliegende Antwort lautet: für Menschen mit Autismus. Und das stimmt – für viele Autistinnen und Autisten ist der Supermarkt eine ernsthafte Herausforderung. Sensorische Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht und sozialer Dichte kann das Einkaufen zu einer erschöpfenden oder gar unerträglichen Erfahrung machen. Stille Stunden ermöglichen es diesen Menschen, ein alltägliches Bedürfnis selbstständig zu erfüllen – ohne Begleitperson, ohne Ausweichen auf den Onlinehandel, ohne Überwindung.
Aber die Liste ist länger:
- Menschen mit Angststörungen – für die Menschenmassen und Lärm Auslöser für Panikattacken sein können
- Menschen mit ADHS – die in reizärmerer Umgebung besser planen und konzentrieren können
- Menschen mit Demenz – für die ruhigere Umgebungen die Orientierung erleichtern
- Migränekranke – die auf Licht und Lärm physisch schmerzhaft reagieren
- Krebspatient:innen während einer Chemotherapie – deren Sinneswahrnehmung oft vorübergehend hypersensibel ist
- Eltern mit kleinen Kindern – die in ruhiger Atmosphäre entspannter einkaufen
- Ältere Menschen – die reizärmere Umgebungen schlicht angenehmer finden
Kurz: Stille Stunden nützen einer breiten Bevölkerungsgruppe – und stören niemanden.
Was hat das mit Diskriminierung zu tun?
Der Einzelhandel ist standardisiert auf einen bestimmten Normkunden: einen Menschen ohne sensorische Besonderheiten, mit voller Belastbarkeit, jederzeit in der Lage, Reize zu filtern und sich zu konzentrieren. Wer diesen Standard nicht erfüllt, wird nicht explizit ausgeschlossen – aber de facto vom selbstständigen Einkaufen abgehalten.
Das ist strukturelle Diskriminierung – nicht böswillig, aber wirksam. Und sie betrifft auch Menschen, die aus anderen Gründen von gesellschaftlichen Normen abweichen: körperlich, neurologisch, situativ. Das Muster ist immer dasselbe: Die Umgebung ist für den Durchschnitt gemacht. Alle anderen müssen sich anpassen oder ausweichen.
Stille Stunden sind ein Gegenmodell. Sie sagen: Wir passen uns an euch an – nicht umgekehrt.
Warum gibt es davon noch so wenige?
Der Aufwand ist überschaubar. Musik abstellen, Lichtstärke anpassen, Mitarbeitende kurz schulen – das ist keine Investition, sondern eine Entscheidung. Dass Stille Stunden in Deutschland noch nicht flächendeckend Standard sind, liegt weniger an technischen Hürden als an fehlendem Bewusstsein und fehlender Nachfrage aus der Öffentlichkeit.
Dabei würden auch die Händler profitieren: Kundenbindung, positive Öffentlichkeitswirkung, Erschließung einer bisher schlecht bedienten Zielgruppe. Inklusion und Wirtschaftlichkeit schließen sich hier ausnahmsweise einmal nicht aus.
Was können wir tun?
Nachfragen. Anfragen. Einfordern. Wer in seiner Lieblingsfiliale noch keine Stille Stunden kennt, kann das ansprechen – im Markt direkt, per Mail an die Zentrale, über soziale Medien. Einzelne Filialen haben auf genau solche Anfragen reagiert und das Konzept eingeführt.
Und: Stille Stunden normalisieren. Sie sind kein Sonderangebot für eine Randgruppe – sie sind ein Zeichen dafür, dass öffentliche Räume für alle Menschen gedacht sein können. Das wäre eigentlich selbstverständlich. Ist es aber noch nicht.