Was gilt als „normal“? Wenn es um Körpergröße geht, lautet die häufigste Antwort: der Durchschnitt. Doch dieser Durchschnitt ist selbst ein politisches Konstrukt – und er hat für Frauen besondere Konsequenzen.
Die Zahlen: Was ist der Durchschnitt?
Die durchschnittliche Körpergröße erwachsener Frauen in Deutschland liegt laut Statistischem Bundesamt bei etwa 165,9 cm (Datenstand 2023). Damit liegen deutsche Frauen im europäischen Vergleich im oberen Drittel. Zum Vergleich:
- Niederlande: ~170,7 cm (europäische Spitze)
- Deutschland: ~165,9 cm
- Frankreich: ~164,7 cm
- Spanien: ~162,6 cm
- Weltweiter Durchschnitt: ~159,5 cm
Diese Zahlen klingen neutral. Sie sind es nicht. Denn was als Durchschnitt gilt, bestimmt mit, was als „zu klein“ oder „zu groß“ empfunden wird.
Zu groß oder zu klein – beides ist ein Problem
Frauen, die deutlich unter dem Durchschnitt liegen – also unter 155 cm –, berichten häufig von ähnlichen Erfahrungen: Sie werden nicht ernst genommen, als niedlich oder kindlich wahrgenommen, in beruflichen Kontexten übergangen. Gleichzeitig erleben Frauen, die deutlich über dem Durchschnitt liegen – ab etwa 178 cm –, andere Formen der Ausgrenzung: Kommentare über ihre Größe, Schwierigkeiten bei der Partnersuche, das Gefühl, „zu viel“ zu sein.
Größendiskriminierung trifft also nicht nur „die Kleinen“. Sie trifft alle, die vom gesellschaftlich konstruierten Ideal abweichen. Und dieses Ideal ist eng, enger als die Streuung der tatsächlichen Bevölkerung.
Die Norm bestimmt das Produkt
Wer nicht in den Durchschnitt passt, merkt es spätestens beim Einkaufen. Kleidung endet bei vielen Marken bei Größe 38-40 – und das für eine Zielgruppe, die statistisch gesehen sehr heterogen ist. Frauen unter 160 cm müssen Hosen kürzen lassen, Ärmel umschlagen, Schuhe in der Kinderabteilung kaufen. Frauen über 175 cm finden kaum lange Ärmel, lange Beinlängen, passende Proportionen.
Die Industrie orientiert sich am Durchschnitt – und schließt damit Millionen von Menschen aus. Das ist kein Versehen, sondern eine Entscheidung: Für wen wird produziert, für wen nicht?
Gesundheit und der BMI-Irrtum
Auch im Gesundheitssystem spielt die Normgröße eine Rolle. Medikamentendosierungen, Operationstische, Blutdruckmessgeräte – vieles ist auf einen bestimmten Körper ausgelegt, der kleiner Frauen oft nicht entspricht. Der BMI als Maßzahl ist ebenfalls auf Durchschnittswerte geeicht und trifft bei sehr kleinen oder sehr großen Menschen häufig keine validen Aussagen.
Was der Durchschnitt verschweigt
Der Durchschnitt von 165,9 cm sagt nichts über die Streuung. In Deutschland gibt es Millionen Frauen, die 20 cm kürzer oder länger sind. Sie alle sind normal – aber die Gesellschaft behandelt sie nicht so.
Größendiskriminierung beginnt nicht erst bei extremen Abweichungen. Sie beginnt dort, wo ein Maßstab gesetzt wird, der Menschen bewertet statt beschreibt. Solange die Durchschnittsgröße als Idealmaß gilt, werden alle, die davon abweichen, mit dem Makel des Andersseins leben.
Das sollte sich ändern.